Special: 175 Jahre Narkose in Österreich

Der österreichische Arzt Franz Schuh hat am 28. Jänner 1847 - vor 175 Jahren - die erste Äthernarkose in Österreich im Wiener Allgemeinen Krankenhaus durchgeführt. 

Sie wurde damals für eine Beinamputation eingesetzt. Damit endete die unglaublich schmerzhafte und grausame Jahrtausende lange Periode von chirurgischen Eingriffen bei vollem Bewusstsein der Patientinnen und Patienten ohne Anästhesie. Dieser Meilenstein markiert den Beginn der Entwicklung der modernen Anästhesiologie in Wien. 1884 wurde schließlich ebenfalls in Wien durch Carl Koller weltweit die erste Lokalanästhesie (für eine Augenoperation) durchgeführt.

Von der Äthernarkose zur gezielten Regionalanästhesie

Ein weiterer Meilenstein war die Erfindung der Ultraschall-gezielten Regionalanästhesie (Erstpublikation 1994) ebenfalls im AKH in Wien. Sie legte den Grundstein für High-Tech-Innovationen in der Anästhesie und Schmerztherapie heute. 

Die Ultraschall-gezielte Regionalanästhesie gilt bis heute als eine der wichtigsten Innovationen in der Anästhesie weltweit, die ihren Siegeszug von Wien aus um den Globus angetreten hat. „Die Regionalanästhesie ist inzwischen eine wesentliche Kernkompetenz unseres Faches und wird auch immer häufiger eingesetzt“, so Prim. Dr. Manfred Greher. „Speziell durch die in Wien entwickelte Ultraschalltechnik wurde die Präzision enorm gesteigert, was Komplikationen reduziert und eine nahezu 100%ige Erfolgsquote ermöglicht.“ Mittels Ultraschall-gezielter Regionalanästhesie werden Nerven gezielt ausfindig gemacht und durch das Einspritzen des Lokalanästhetikums durch eine Nadel blockiert, um einen Teilbereich des Körpers vorübergehend zu betäuben. Das bedeutet für die Patienten schmerzfreie Operationen auch ohne Vollnarkose sowie perfekte Schmerztherapie nach der Operation.

Routine im Herz-Jesu Krankenhaus

Bei der Regionalanästhesie können Patientinnen und Patienten während der Operation prinzipiell wach sein, deshalb werden ihnen beispielsweise Videobrillen mit beruhigenden Filmen angeboten. Zusätzlich zur Regionalanästhesie können aber bei Erfordernis immer auch Schlaf- und Schmerzmittel durch die/den Anästhesistin/en verabreicht werden. „Wir bilden viele Kollegen aus und arbeiten laufend daran, dieses Anästhesieverfahren weiter zu perfektionieren, neue Techniken zu entwickeln und vor allem im Bereich der Gelenkschirurgie zum Vorteil für den Patienten einzusetzen", erklärt Manfred Greher.

Neue bildgebende Verfahren

Die laufende Weiterentwicklung der sonografischen Technik ist mitverantwortlich dafür, dass die Bildgebung in den vergangenen Jahren wesentlich verbessert wurde und dass die Ultraschallgeräte kleiner und transportabler werden. So kann beispielsweise in der Notfallmedizin die Erst-Diagnostik mittels Mini-Ultraschallgerät und Mobil-Telefon durchgeführt werden. Die Bilder werden teilweise auch schon kabellos auf Bildschirme übertragen. Eine weitere neue Entwicklung stellen Breitband-Geräte mit kurzer Pulsdauer dar, die eine höhere Auflösung und gute Tiefenpenetration mitbringen. Auch 3D-Ultraschall und „GPS“-Systeme zur besseren Darstellung der Nadelposition sind heute verfügbar.

     

    Künstliche Intelligenz hält ebenso Einzug in die Regionalanästhesie: Bilderkennungssysteme können den Arzt bei der Interpretation des Ultraschallbildes unterstützen. Erste Anwendung findet auch das sogenannte Magellan-System, ein Roboterarm-System, das  Nervenblockaden durchführen kann. Der Roboter kann mittels Joystick vom Arzt gesteuert werden, der sich über einen Bildschirm orientiert und diese Tätigkeit ortsunabhängig auch aus der Ferne durchführen kann.

    Aktuelle Herausforderungen für die Anästhesie

    • Neue OP-Methoden in Kombination mit der hochentwickelten Anästhesie erlauben eine kürzere Verweildauer im Krankenhaus für Patientinnen und Patienten. So erfordern Programme wie Rapid Recovery und tagesklinische Eingriffe perfekte, kurzwirksame und gut verträgliche Anästhesien, welche die rasche Beweglichkeit unter weitgehender Schmerzfreiheit ermöglichen. Welche Anästhesieform und OP-Methode angewandt wird, entscheiden ÄrztInnen und Ärzte individuell für jedes Krankheitsbild und unter Einbeziehung der Krankengeschichte der/s einzelnen Patientin/en. 
    • Auch das Thema „Grüne Anästhesie“ beschäftigt die Expertinnen und Experten derzeit. Dabei geht es um möglichst wenig Freisetzung von Treibhausgasen wie Lachgas (wird im Herz-Jesu Krankenhaus seit über 10 Jahren nicht mehr verwendet) oder anderen Narkosegasen. Diese werden im Herz-Jesu Krankenhaus generell sehr sparsam eingesetzt, da es einen hohen Anteil an Regionalanästhesien gibt. 

    Zur Person:
    Franz Schuh (geboren 17.10.1804 in Scheibbs, gestorben 22.12.1865 in Wien) war Wundarzt, Chirurg und Universitätsprofessor im AKH - damals eine Besonderheit, da Medizin und Chirurgie noch getrennt voneinander existierten. Er war der Begründer der Anästhesie in Österreich. Schuh hat auch die erste Herzbeutelpunktion weltweit durchgeführt (1840). Sieben Jahre später, am 28.1.1847, führte er die erste Äthernarkose in Österreich nur wenige Monate nach der weltweit ersten in Bosten (16.10.1846) an einem Patienten zur Beinamputation durch.